Hochfliegende Pläne für "Gleis 13", die bisher grandios abstürzen
Mit "Gleis 13" wird das Gelände des früheren Güterbahnhofs nördlich des Nürtinger Bahnhofs bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein extrem schmales Grundstück mit einer Fläche von ca. 8000 qm, eingezwängt zwischen Bahnsteig "Gleis 1" und der Oberboihinger Straße. Aufgrund seiner exponierten Lage direkt am Bahnhof bieten sich verschiedene Nutzungsmöglichkeiten an: Parkhaus für Park&Ride, zentraler Omnibusbahnhof (ZOB), Einzelhandel, Wohnen.
Als die Deutsche Bahn den Betrieb des Güterbahnhofs aufgab, fing die Stadt an, viele Möglichkeiten anzudenken, wobei immer klar war, dass der Aufwand einer Umsetzung die finanziellen Möglichkeiten der Stadt übersteigen und man einen Investor benötigen würde. Man ging immer davon aus, dass die Stadt über die Nutzung des Grundstücks selbst entscheiden und mit Hilfe eines Bebauungsplans entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung nehmen könne.
Einkaufszentrum "Gleis 13"
Im Dezember 2004 hat die Initiatorengemeinschaft "Plan Kompakt und
Dr. Lübke GmbH" vom bahneigenen Immobilienunternehmen Aurelis die
Option
erhalten, das Gelände zu vermarkten. Man ging davon aus, bis
Juni 2005 einen endgültigen Kaufvertrag abschließen zu können.
Angedacht wurde eine Tiefgarage, im Erdgeschoss Handelsflächen und ein
Drive-in-Restaurant sowie in 3 Obergeschossen Büroflächen und
Studentenwohnungen.
An dem Architektenwettbewerb nahmen 4 Büros teil, von denen die
Nürtinger Archtiekten Weinbrenner und Single als Sieger hervorgingen.
Nach gehörigem
Druck von OB Heirich
und kontroverser Diskussion fasste
der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss, auf "Gleis 13" eine
Einkaufszeile errichten zu lassen.
Im September 2006 wurden Schienen und Oberleitung von "Gleis 13"
abgerissen
und damit die Fläche in einen verkaufbaren Zustand versetzt.
Im November 2007 stimmte der Gemeinderat einem
"vorhabenbezogenen Bebauungsplan"
zu, obwohl die Fragen eines Verkehrskonzepts noch
nicht gelöst waren. Man erhoffte sich eine Projektumsetzung in
2008/2009. Mit der Zustimmung verschaffte man dem potentiellen
Investor, der "Immobilien- und Beteiligungsgesellschaft Santowski
und Partner" aus Erlangen, Rechtssicherheit für die Verhandlungen
mit Aurelis. Aber danach ist dann für viele Jahre nichts mehr passiert.
"Neue Weinsteige" (1)
Bei der Stadt entstand die Idee, den zentralen Omnibusbahnhof (ZOB)
neben die Bahngleise auf der Fläche von "Gleis 13" unterzubringen.
Da schlug im September 2012 im Rathaus wie eine Bombe die
Nachricht
ein, dass der Investor Sandro Camilli mit seiner Immobliengesellschaft
"Neue Weinsteige" das Gelände von Aurelis gekauft hat. Laut
Baubürgermeister Erwerle hatte er sehr viel mehr geboten, als die
Stadt Nürtingen bereit war zu bezahlen und Aurelis hatte an den
Meistbietenden verkauft. In der Folge begann die Stadt
einen Kleinkrieg mit Herrn Camilli, indem sie eine
Veränderungssperre für das ganze Gelände erlies, in der
Hoffnung, so das Gelände zu entwerten und doch noch kaufen zu können.
Als Retourkutsche hat dann der neue Eigentümer den beliebten
"Autobriefkasten"
abmontieren lassen. Danach war Sendepause.
Die Stadt hat nun lustig mit dem ZOB auf "Gleis 13" weitergeplant
und zusätzlich die Idee entwickelt, auf der Fläche des bisherigen ZOB
einen neuen Schwerpunkt mit Einzelhandel und Wohnungen zu errichten.
Um zusätzlich Zeit zu
gewinnen, hat die Stadt die Veränderungssperre weiter verlängert. Aber
"Neue Weinsteige" hat keinerlei Verkaufsbereitschaft erkennen lassen.
Auch ein von der Stadt vorgeschlagener Grundstückstausch mit
"Gleis 13"-Flächen gegen ZOB-Flächen schlug fehl.
Es gab weiterhin keinerlei Veränderungen, außer dass die Schlaglöcher
auf dem "Schotterparkplatz" immer tiefer und nur äußerst notdürftig
geflickt wurden.
Im März 2014 wurden die Reste des früheren Güterbahnhofs
("Schuppen") abgerissen.
Im Juli 2022 haben sich Stadtverwaltung und Gemeinderat dazu
durchgerungen, von den ZOB-Plänen auf "Gleis 13" Abstand zu nehmen,
den
ZOB am bisherigen Standort
neu zu planen und mit Sando Camilli
das Projekt "CamNova Gleis 13" aus der Taufe zu heben..
"Neue Weisteige" (2)
Mit Sandro Camilli wurde vereinbart, dass er einen
Architektenwettbewerb
auslobt, um auf der Basis der von der
Stadt festgelegten Rahmenbedingungen ein Projekt für Wohnen und
Gewerbe zu entwickeln. Im günstigsten Fall sollte Mitte 2024 der
Spatenstich erfolgen und 2027 das Projekt fertig gestellt werden.
Am 1. März 2023 fand zudem eine
"Bürgerbeteiligung"
statt, bei der
interessierte Bürger ihre Ideen und Vorstellungen vorbringen konnten.
Im November 2023 wurde der
Siegerentwurf
aus dem Architektenwettbewerb
präsentiert. Dieser sah 3 Baukörper mit 6 bis 8 Stockwerken vor, so
daß Platz für Gewerbe im EG sowie 325 zum Teil sozialgeförderte
Wohnungen in den darübergelegenen Geschossen gebaut werden können.
Anfang Dezember beriet der
Gemeinderat
über den vorgelegten
Siegerentwurf. Dabei wurde auf noch ungelöste Probleme wie ein
fehlender "Mobility-Hub" mit Park&Ride-Plätzen und eine problematische
Zufahrt auf der engen Oberboihinger Straße hingewiesen. Mehreren
Stadträten waren die Gebäude zu hoch. Trotzdem beschloss der
Gemeinderat, dass der Wettbewerbssieger vonseiten der
Objektgesellschaft Neue Weinsteige mit der Weiterentwicklung des
Konzepts einschließlich einer Entwurfsplanung beauftragt werden solle.
Zudem wurde ein rechtsverbindlicher Bebauungsplan für Anfang 2025
in Aussicht gestellt, so dass dann mit dem Bau begonnen werden könnte.
"Neue Weinsteige" (3)
Am 07. Mai 2024 sollte der Gemeinderat den
Aufstellungsbeschluss
für den Bebauungsplan "Urbanes Wohnen am Bahnhof" fassen. Die
Fraktion NT14 stellte den
Antrag,
die Beschlussfassung zu vertagen,
da wesentliche Informationen nicht vorliegen. Der geplante Verzicht
des Investors auf Kinderspielflächen sei rechtlich nicht geprüft, der
Inhalt des städtebaulichen Vertrags, mit dem neben dem Bebauungsplan
weitere Pflichten für den Investor festgelegt werden, sei nicht
bekannt. Barrierefreiheit sei nicht ausreichend berücksichtigt und
auf Klimaaspekte sei weitgehend verzichtet worden.
Diese Mängel wurden teilweise in Abrede gestellt und vor allem
darauf hingewiesen, dass man noch nicht im Bebauungsplanverfahren sei,
Details könnten noch ausgearbeitet werden. Der Antrag wurde mit 23
Neinstimmen und 2 Enthaltungen mehrheitlich abgelehnt. Trotz
der fehlenden Informationen
beschloss der Gemeinderat
die Aufstellung des Bebauungsplans.
Im Juli 2025 unterzeichneten Sandro Camilli und OB Dr. Fridrich
einen
städtebaulichen Vertrag, in dem weitere Pflichten des Investors
festgelegt wurden. Die Themen des Vertrags wurden bekannt gemacht,
die darin festgelegten Pflichten hingegen blieben unter Verschluss.
Am 10. Februar 2026 stand "Gleis 13" erneut auf der Tagesordnung des
Gemeinderats. Einige Bürger hatten ihren Unmut über die Dimension
des Projekts geäußert und auch Gemeinderäte und Verwaltung hatten
erhebliche Zweifel, ob das Projekt von den Nürtinger Bürgern
akzeptiert würde. Zudem fehlten immer noch einige Informationen.
Letztendlich fand sich eine
Mehrheit für den Stopp
des Bebauungsplan-
Verfahrens, solange, bis ein "Workshop" noch einmal grundlegend
über das Projekt befunden habe.
"CamNova (Gleis 13)" als IBA27-Projekt
Im Jahr 2020 wurde die "Bahnstadt" als Projekt in die Internationale Bauausstellung 2027 (IBA27) aufgenommen. Als erster realisierbarer Teil wurde 2023 die "Bahnstadt-West" mit dem Ergebnis des Realisierungswettbewerbs mit vielen Vorschusslorbeeren auf der Internetseite der IBA27 präsentiert. Nur ist inzwischen die Zeit weit fortgeschritten, ohne dass mit dem Bau begonnen wurde. Es ist mittlerweile klar, dass bis zum Beginn der IBA27 nichts Vorzeigbares vorhanden sein wird - noch nicht einmal eine Baustelle. Was für eine Blamage für Nürtingen.
Kinderspielplatz
In
§ 9 der Landesbauordnung Baden-Württemberg (LBO)
ist in Absatz 2 festgelegt, dass bei Gebäuden mit mehr als 3
Wohnungen ein Kinderspielplatz für Kleinkinder errichtet werden muss,
der ausreichend von Gefahren abgeschirmt und gefahrlos zu erreichen
ist. Für den Fall, dass dies der Bauherr nicht umsetzen will, regelt
Absatz 4, dass durch die Bezahlung eines Geldbetrags an die
Gemeinde diese Verpflichtung abgelöst werden kann. Diesen Betrag
soll die Gemeinde für die Errichtung oder den Erhalt von
Kinderspielplätzen verwenden.
Im Fall von "Gleis 13" soll von Absatz 4 Gebrauch
gemacht werden. Die Stadt verweist in diesem Zusammenhang auf einen
neu geplanten Spielplatz in der "Bahnstadt-Ost", also auf der anderen
Seite der Bahngleise. Um zu diesem Spielplatz zu gelangen müssen
(Klein-) Kinder zur Bahnunterführung (entlang dem Bahnsteig) und durch
die Bahnunterführung gehen. Auf der anderen Seite der Bahn muss die
neu geplante "bahnparallele Trasse", eine zukünftige
Hauptverkehrsstraße, überquert werden, ehe der Spielplatz erreicht
wird.
Wie eine derartige Anordnung als "ausreichend abgeschirmt" und
"gefahrlos erreichbar" bezeichnet werden kann, bleibt das
Geheimnis der Stadtverwaltung.
Park&Ride
Bisher wurde der "Schotterparkplatz" als bahnhofsnaher Park&Ride-Parkplatz mit ca. 100 Stellplätzen genutzt. Nach dem Bau des Projekts stehen dafür die Flächen nicht mehr zur Verfügung. Stattdessen wird nun auf 77 Stellplätze im EG und 145 Stellplätze in der geplanten Tiefgarage verwiesen, die vor allem für die Bewohner gedacht sind. Da es sich bei ca. 80% um 1-2-Zimmer Wohnungen handelt, wurde vom Gemeinderat ein Stellplatzschlüssel von 0,5 festgelegt, d.h. für jeweils 2 Wohnungen 1 Stellplatz, der vermutlich tagsüber von Bewohnern nicht genutzt wird (da sie ja zur Arbeit gefahren sind) und somit theoretisch für eine Park&Ride-Nutzung verfügbar wäre. In einem umfangreichen Mobilitätskonzept wurde statistisch dargelegt, wie dies funktionieren soll.
Fehlende Themen im Bebauungsplanentwurf
Im Bebauungsplanentwurf, der in der Gemeinderatssitzung am 07.05.2024 vorgelegt wurde, sind zahlreiche Themen aufgezählt, zu denen die Ausführungen fehlen und die "im weiteren Verlauf ergänzt" werden sollen. Bis heute ist davon aber nichts veröffentlicht worden:
- Soziale Auswirkungen
- Stadtplanerische Auswirkungen
- Ökonomische, finanzielle und fiskalische Auswirkungen
- Ver- und Entsorgung
- Grundstücksentwässerung
- Erschließung
- Weitere Auswirkungen
Wenn der Gemeinderat seine Kontrollfunktion ernsthaft wahrnehmen will, dann muss er darauf bestehen, dass diese Themen bearbeitet und passende Lösungen vorgelegt werden.
Quintessenz
- Das Projekt "Gleis 13" hat eine abenteurliche Projektdauer. Von ersten Überlegungen 2004 bis 2026 (22 Jahre!) ist noch nichts umgesetzt: Kein Bebauungsplan, keine Baugenehmigung, kein Spatenstich, nur nach wie vor ein "Schotterparkplatz".
- Nicht zum ersten Mal hat die Stadt viel zu lange Pläne geschmiedet, die wieder eingestampft werden mussten, weil ihr die Grundstücke nicht gehörten und letztendlich nicht erworben werden konnten.
- Der "Kleinkrieg" mit dem Investor hat nur Zeit gekostet, die überhaupt nicht genutzt wurde.
- Bedenken gegen das Projekt wurden frühzeitig geäußert und konsequent ignoriert, bis man 2026 dann doch auf die Bremse getreten ist.
- Der Vertagungsantrag von NT14 wurde wider besseres Wissen mehrheitlich abgelehnt. "Schon" ca. 2 Jahre später musste man dann feststellen, dass doch etwas daran gut gewesen wäre ("not invented here").
- Die Zulässigkeit der Verpflichtungs-Ablösung zur Errichtung eines Kleinkind-Spielplatzes ist nicht geklärt.
- Der Wegfall der bisherigen Park&Ride-Parkplätze in unmittelbarer Bahnhofsnähe wird nur unvollständig kompensiert.
- Die IBA27 findet in Nürtingen allenfalls auf dem Papier statt und wird zur Blamage für die Stadt.